In alten Zeiten, als die Handels- und Fuhrmannsleute noch von Pferden gezogene
Karren benutzten, um auch in entlegenen Harzdörfern ihre Waren feil zu bieten,
verlief durch Ilfeld eine alte Handelsstraße. Von dieser zweigt der Goetheweg
ab, auf dem der Herr Geheimrat von Goethe bei seiner ersten Harzreise im Jahre
1777 zu Pferde mit einem
Mantelsack in den Harz hinein ritt.
Dieser besagte Goetheweg führt an einem Felsblock vorbei, der eine enge Spalte
hat. Die Sage erzählt von diesem Felsblock, dass ihn einst ein Riese aus dem
Schuh geschüttet habe, weil der Block darin so drückte.
Alle Fuhrleute, Händler und auch Waldarbeiter, die Holz aus dem Walde holen
wollten, mussten an diesem Stein vorbei. War nur ein Fuhrknecht neu eingestellt,
so war es Brauch, dass er auf seiner ersten Fahrt unter dem Johlen und Lachen
seiner Kameraden durch diesen engen Felsspalt kriechen musste. Hinter ihm standen
die anderen Knechte und halfen mit ihren Peitschen nach. Konnte der Neue seinen
Kameraden einen Taler bezahlen, brauchte er sich nicht hindurchzwängen. Davon
erzählt dieses überlieferte Gedicht.
Der
Knecht muss durchs Nadelöhr
Bei Ilefeld, da liegt ein Stein,
Hat durch und durch ein Öhr,
Da ist ein Bauch, der ist nicht fein,
Und doch lustiert er sehr.
Der Amtmann will, er soll nicht sein,
Allein, was hilft ihm Droh´n und Schrei´n ?
Kaum fährt ein neuer Knecht in´s Holz,
Flugs greifen die and´ren ihn.
Er muss sich, sei er noch so stolz,
Durch dieses Öhr bemüh´n.
Er kriecht, sie hau´n und schreit der Knecht,
So ist´s den and´ren eben recht.
Kauft er sich aber los mit Geld,
So braucht er nicht hinein.
Doch tut er´s nicht, so muss der Held
drei mal so durch den Stein.
Dann ist er ein gemachter Mann,
Der and´re wieder hauen kann.
Graf Elger von Hohnstein und das Nadelöhr
Oft existieren verschiedene Überlieferungen durch den Volksmund über bestimmte
Stätten oder Ereignisse - so auch über das Nadelöhr.
Auf einem Bergkegel im Südharz nannte Graf Elger von Hohnstein eine stattliche
Burganlage sein Eigen. Die Burg diente ihm und seinen Mannen als Unterschlupf
für sein ausschweifendes und räuberisches Leben. Jeder, der friedlich seines
Weges zog, wurde von ihm ausgeplündert, und nicht selten verloren die Kaufleute
oder Reisenden mehr als nur Geld und Gut.
Einmal erwählte er sich einen Adligen als lohnenswerte Beute, und zwar den
Grafen Konrad von Beichlingen und so stürzte er auf diesen mit Mordgedanken
ein. Doch kaum hatte er seine frevelhafte Tat beendet, da stürmten unzählige
Kobolde, Waldgeister und Wichtel aus ihren verborgenen Höhlen, Spalten und Baumlöchern
hervor. Mit von Blitz und Donner begleiteten Flüchen blockierten sie das Tal
durch gewaltige Felsbrocken. Das Flüsschen Behre trat aus seinem Bett und Elgers
Räubernest fand in den Fluten ein böses Ende.
Der Graf, dem Tode nah, fand in den Felsen nur noch das Nadelöhr, durch das
er kroch und die auf die andere Seite des Tales gelangen konnte. So entrann
er seinem unrühmlichen Untergang nur knapp.
Vor seiner Errettung hatte er gelobt, an der Stelle, wo er den Beichlinger
erschlug, zur Sühne eine "Ewige Lampe" zu stiften. Das Tal der Behre
öffnete sich bald wieder und der reißende Fluss konnte als Flüsschen wieder
in sein altes Bett zurückkehren.
Die Lehre, die Graf Elger durch die sonst für jedermann unsichtbaren Waldbewohner
erteilt wurde, machte ihn schließlich zu einem sittsamen Mann. Bald nahm er
Lutrude zu seiner Gemahlin. Im Jahre 1189 stifteten sie das Kloster Ilfeld.
Als Prämonstratenserkloster und später als Klosterschule, besonders unter Michael
Neander, ging es, mit berühmt gewordenen Schülern, in die Geschichte ein.
Das Gemäuer des Kloster zu Ilfeld steht noch immer und wird als Klinik genutzt.
Im Garten der Klinik fand die "Ewige Lampe" ihren Platz. Das Nadelöhr befindet
sich an derselben Stelle wie eh und je und ist Anziehungspunkt besonders für
Kinder, die an diesem Ort die Sage nachvollziehen.